Das Bild zeigt den an die Museumswand geworfenen überdimensionalen Touchscreen

Der frühe Globalisierungskritiker

Das Bild zeigt einen Blick in die Ausstellung„Größer, höher weiter“ sind nicht unbedingt die Leitsätze, von denen wir aus heutiger Sicht glauben, dass sie zu Lebzeiten des 1870 geborenen und 1938 verstorbenen Ernst Barlach eine große Rolle gespielt hätten. Doch, so betonte Kuratorin Heike Stockhaus bei der Eröffnung des Museums in Ratzeburg unter dem Motto „Barlach Reloaded“, der Künstler habe zu einer Zeit gelebt, in der die gesellschaftliche Entwicklung in Turbo-Geschwindigkeit vonstattengegangen sei. Barlach, der als weitsichtiger und empathischer Künstler gilt, habe sich viele Gedanken über Fragen wie „Mensch und Umwelt“ oder „Krieg und Frieden“ gemacht.

Diese Auseinandersetzung spiegelt sich in seinen Werken wider. Das Museum spannt in seinem neuen Konzept einen Bogen von der Lebenswelt Barlachs zu den Menschheitsfragen der Gegenwart. Den Besucherinnen und Besuchern wird schnell klar: Barlach war auf seine Art ein früher Globalisierungskritiker, wenngleich er sich eine Welt, wie wir sie heute kennen, vermutlich nicht hätte vorstellen können. Das Museum bezeichnet ihn als „empathischen Querdenker und Botschafter eines modernen Humanismus“.

Auf dem Foto ist das Zitat zu lesenHinter „Barlach Reloaded“ verbirgt sich ein Konzept, das den Künstler nicht nur inhaltlich mit dem Hier und Jetzt in Bezug setzt, sondern das sich auch mit vielen digitalen Angeboten vor allem an junge Menschen richtet. Per Touchscreen kann quasi spielerisch die Lebenswelt Barlachs erschlossen werden, sowohl was sein künstlerisches Wirken angeht, als auch Kunsthistorie ganz allgemein sowie politische Zusammenhänge. Es ist verblüffend, wie ähnlich die gesellschaftlichen Probleme damals und heute einander sind.

Per Video-Installation werden u. a. Zitate Barlachs an die Wand geworfen. Beispielsweise:

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Ach, der Krieg! Wenn der Wahnsinn der Menschen zur Vernunft kommen soll, so müssen höhere Mächte eingreifen, zum Beispiel die Pest oder die Cholera. Sie kann man nicht beschießen, und sie wird die Heere auseinandersprengen.

(6. Juli 1918)

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Wer würde da nicht unwillkürlich „Pest und Cholera“ durch „Corona“ ersetzen und Barlach somit geistig ins Jahr 2020 beamen?

Treue zum „Führer“

Sein kritischer Blick hielt ihn allerdings nicht davon ab, am 19. August 1934 das von Joseph Goebbels verfasste Manifest „Aufruf der Kulturschaffenden“ zu unterzeichnen. Neben Barlach bekannten prominente Persönlichkeiten wie der Komponist Wilhelm Furtwängler, der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der Schriftsteller Börries Freiherr von Münchhausen, der Maler Emil Nolde sowie der Komponist Richard Strauss „in Vertrauen und Treue“ zum „Führer“ zu stehen.

Das Bild zeigt einen Blick auf die AusstellungDas wiederum hielt die Nazis nicht davon ab, eine Rufmordkampagne gegen Barlach zu starten und letztlich seine Werke als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen zu entfernen.

Barlach, der in Wedel geboren wurde und in Mecklenburg-Vorpommern und Ratzeburg lebte, hinterließ der Stadt Hansestadt das „Hamburger Ehrenmal“ am Rande des Rathausmarktes. Vom Künstler als Mahnung an die Gefallen des Ersten Weltkriegs geschaffen, wurde später das Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen beider Kriege. Die ursprüngliche schlichte Inschrift „Vierzigtausend Söhne der Stadt ließen ihr Leben für Euch — 1914–1918“ klingt nach Heldenverehrung, das Mahnmal galt aber als Anti-Kriegs-Statement der damaligen Sozialdemokratie. Es bestand aus einer Steele, in die eine Frau mit Kind eingraviert war mit der Aufschrift „Trauernde Mutter mit Kind“. Später wurde es von den Nazis als „entartete Kunst“ entfernt und durch eine andere Steele mit einem aufsteigenden Adler als Motiv ersetzt. Zur selben Zeit entstand auch das „Kriegerdenkmal“ am Dammtor-Bahnhof. Nach 1945 wurde das ursprüngliche Bildnis rekonstruiert und zum Mahnmal an die Toten beider Weltkriege umgewidmet.

Ratzeburg Reloaded

Das Bild zeigt einen Blick in die AusstellungSieben Jahre seiner Kindheit verbrachte Ernst Barlach in Ratzeburg. „Diese haben ihn geprägt und jetzt prägt er Ratzeburg“, ist auf der Webseite des Ernst Barlach Museums Ratzeburg zu lesen. Das Museum im ehemaligen Wohnhaus der Barlachs ist ein beredtes Zeugnis davon. Doch obwohl dieser zahlreiche literarische Werke schuf, spielen Bücher eine Nebenrolle in dem neuen Konzept. Neben klassischen Skulpturen verwenden Kuratorin Heike Stockhaus und ihre Crew vorwiegend neue Medien. So katapultieren sie nicht nur die historische Persönlichkeit des „Einzelgängers unter den Expressionisten“ Ernst Barlach in die Gegenwart, sondern setzen neue Maßstäbe in der Museumswelt. Aus „Leben und Werk“ des Künstlers wurde ein „Denkraum für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ geschaffen. Mit dem hochmodernen Konzept „digitales Museum“ wird das kleine Haus im dem beschaulichen Örtchen im Herzogtum Lauenburg im Süden Schleswig-Holsteins zum Vorreiter einer neuen und lebendigen Erinnerungskultur. Von Lauenburgischen wird in Fachkreisen wohl noch oft die Rede sein, denn auch das Elbschifffahrtsmuseum im benachbarten Lauenburg bedient sich dieser modernen Technik. So wird nicht nur spielerisch Wissen vermittelt, sondern die Besucherinnen und Besucher werden auf eine virtuelle Zeitreise geschickt. Im Ratzeburger Barlach-Museuem finden sie sich so selbst in der Welt Barlachs wieder. Ein gelungenes, zeitgemäßes Konzept, das Alt und Jung anspricht und gleichermaßen Groß und Klein einbezieht.

Barrierefreiheit:

Das Bild zeigt die Stufen zum HausSo zeitgemäß das inhaltliche Konzept des Museums ist, so oldschool sind leider die räumlichen Gegebenheiten: Das Museum ist nur über drei Stufen, das Obergeschoss über eine Treppe zu erreichen. Unterstützung für Menschen mit Sinneseinschränkungen gibt es nicht.

Die Touch-Screens sind so konzipiert, dass sie auch von kleinen Menschen oder im Sitzen bedient werden können. Leider funktionierte das beim Testlauf während der Pressekonferenz zur Eröffnung im August 2020 nur bedingt, die Verantwortlichen versprachen nachzujustieren, damit z. B. das Wissensquiz auch vom Rollstuhl aus gespielt werden kann.

Toiletten:

Das Museum verfügt über eine Toilette im Erdgeschoss, allerdings nicht über ein Behinderten-WC.

Text und Fotos: Birgit Gärtner