Das Bild zeigt die Kamele Dolly, Daya, Krümel und Aralie sowie im HIntergrund den Hafflingerhengst Saphir auf der Koppel

Gelebte Inklusion – die Tiere machen es uns vor

Das Bild zeigt 4 Kamele auf der Koppel, den Waldrand und blauen HimmelEine Oase ist das Grundstück von Daniela Huttel allemal – mit und ohne Kamele: malerisch direkt am Waldrand gelegen, Bäume auf der einen, ein weites Feld auf der anderen Seite. Dieses Feld braucht die Erlebnispädagogin auch, als Koppel für ihre ansehnliche Tierschar, denn das Anwesen beherbergt eine veritable, so ex- wie inklusive Wohngemeinschaft: fünf Kamele, drei Esel und zwei Pferde. Kurzum, verschiedene Rassen, Generationen, Geschlechter, Größen und Gemüter mit und ohne Handicap müssen miteinander auskommen. Eines der Kamele ist komplett erblindet, eines hat nur eingeschränkte Sehfähigkeit, der Hafflinger-Wallach war zu groß für seine Rasse und von daher als Zuchthengst nicht verwertbar, der andere Wallach hat Asthma, die Eselin ist alleinerziehend, ihr Sprössling hat Zahnprobleme. Dieses Zusammenleben klappt – so gut, dass die Tiere zur tiergestützen Therapie bei Kindern eingesetzt werden, die Esel können für kurze Trecking-Touren gebucht werden, in absehbarer Zeit auch von Menschen im Rollstuhl.

Behindertengerechter Umbau von Stall und Koppel

Das Bild zeigt das Kamel AralieAls Daniela Huttel 2003 von Hessen nach Norddeutschland zog, war sie Besitzerin eines Pferdes, das vorerst in der alten Heimat blieb und – wie sie sagt – sein Geld selbst verdiente: als Therapie-Tier. Doch lange sollte die Trennung von Pferd und Besitzerin nicht dauern, und Marco, der Hafflingerwallach, verlegte seinen Wohnsitz ebenfalls in die Lüneburger Heide.

2005 zog mit Diana das erste Kamel zu den beiden in ihre kleine Oase. Eher zufällig. Wie sich schnell herausstellte hatte das Wüstenschiff enorme gesundheitliche Probleme, entweder verursacht durch einen Unfall, oder durch rohe Gewalt. Daniela Huttel päppelte das Tier so gut auf, dass es noch fünf Jahre auf dem Hof leben konnte. U. a. mit Unterstützung des NDR konnten Tierärzte gefunden werden, die sich medizinisch mit der für Norddeutschland doch eher ungewöhnlichen Bewohnerin auskannten. Doch dann wurden die Schmerzen so stark, dass das Tier von seinem Leid erlöst werden musste.

ielDas Bild zeigt die beiden Kamele Krümel und Aralie beim fressenSehr bald nachdem Diana eingezogen war, stellt Daniela Huttel fest, dass das Tier unter Einsamkeit litt. Kamele sind Herdentiere, also kümmerte sie sich um Gesellschaft. Der Plan war, ein weiteres erwachsenes Kamel aufzunehmen, und Dolly schien die perfekte Wahl. Doch zu Dolly gehörte Daya, die zwar vom Vorbesitzer getrennt verkauft werden sollten, aber Daniela Huttel brachte es nicht fertig, Mutter und Tochter Kamel zu trennen. Das führte zu einem kleinen Generationskonflikt, denn Daya brauchte gleichaltrige Gesellschaft. Also komplettierte Krümel das Quartett. Nachdem Diana eingeschläfert wurde, kam wiederum Aralie als Gesellschaft für Dolly auf den Hof und machte das Quartett wieder vollständig, mit Dschingis wurde schließlich ein Quintett draus. Daya ist heute das größte der fünf Kamele und komplett erblindet, Krümel kann nur eingeschränkt sehen.

Das Bild zeigt das erblindete Kamel DayaAls Daya ihr Augenlicht verlor, versuchte Daniela Huttel dem Tier zu helfen, aber eine Operation war leider nicht möglich. Das Tier verlor nicht nur das Augenlicht, sondern auch die Orientierung, es fand nicht einmal mehr den Wassereimer im Stall. Also musste umgebaut werden. Mit viel Ausprobieren und noch mehr Geduld – sowohl von Tier als auch Besitzerin – baute Daniela Huttel einen behindertengerechten Stall und ein Leitsystem zur Koppel. Davon profitiert auch Krümel.

Wallach Marco bekam Merlin zur Gesellschaft und nachdem Daniela Huttels langjähriger Gefährte ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen eingeschläfert werden musste, zog Saphir auf dem Hof ein. Der Hafflingerwallach war aus einer Zucht aussortiert worden, weil er größenmäßig nicht den strengen Vorgaben für einen Zuchthengst entsprach. Merlin leidet unter Asthma.

2014 zog Eselin Paula mit dem fünf Monate alten Emil in der Oase ein – mit einer kleiner blinden Passagierin an Bord: 11 Monate später wurde Emma geboren. Seither versucht die alleinerziehende Eselmama ihren manchmal etwas ungestümen Nachwuchs zu zähmen.

Die Handeloher Delphintherapie

Das Bild zeigt das Hinweisschild zur KameloaseDaniela Huttel begann schon vor vielen Jahren, sich für tiergestützte Therapien zu interessieren und beschäftigte sich in ihrem Studium intensiv damit. Am bekanntesten sind die Delphintherapien. Die lassen sich in Norddeutschland aber noch schwieriger ansiedeln als Kamele. Dass diese Therapien im Ausland stattfinden und die betroffene Familie sich dabei im Ausnahmezustand – wenn auch im positiven Sinne – befindet, störte die Erlebnispädagogin. Sie möchte betroffenen Familien langfristige Unterstützung im gewohnten Umfeld möglichst direkt vor der Haustür anbieten. Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, langsam Vertrauen zu ihr und den Tieren aufzubauen und die Therapie als Teil ihres Lebens zu begreifen. Leider wird diese Form der therapeutischen Unterstützung im Gegensatz zu Delphintherapien nicht von den Krankenkassen finanziert.

Außerdem bietet die Oase Schulklassen die Möglichkeit, die zwar imposant großen, doch absolut sanftmütigen Tiere kennenzulernen. Eselin Paula und ihre beiden Jungspunde können für Treckingtouren im Nahbereich gebucht werden. Zwar sind auch die ganz lieb, aber Daniela Huttel begleitet jede Tour, hält sich jedoch diskret im Hintergrund, so dass Gast und Tier sich aufeinander konzentrieren können.

Das bild zeigt Daniela Huttel mit den drei EselnDie Kinder, die zu Daniela Huttel und den Tieren in die Therapie kommen, haben unterschiedliche Handicaps, meistens Sinneseinschränkungen, beispielsweise das Down-Syndrom, oder ADHS. Grundsätzlich wäre eine Therapie auch für Kinder mit Mobilitätseinschränkungen möglich, diese müssen aber eigenständig sitzen können.

Als vor einigen Wochen eine hoch betagte Dame auf den Hof kam, die aus Altersgründen im Rollstuhl saß, fiel Daniela Huttel auf, dass die Esel etwas reserviert reagierten. Offenbar fiel ihnen der Unterschied zwischen kleinen Menschen auf zwei Beinen und sitzenden Erwachsenen auf und sie wussten nicht so recht damit umzugehen. Die praktisch veranlagte Pädagogin besorgte sich einen Rollstuhl und trainiert die Tiere seither auf den Umgang mit rollenden Mitmenschen; so dass in absehbarer Zeit die Esel auch von Rollstuhlfahrerinnen oder – fahrern gebucht werden können.

Die Tiere sind oft für Therapien im Einsatz oder bekommen Besuch, regelmäßig auch von Schulklassen. Mit Corona im  Frühjahr 2020 brach das plötzlich alles weg. Den Tieren fehlten die Bewegung, die Action und auch die Kinder. Allmählich, im Herbst 2020, entspannt sich die Lage wieder und Daniela Huttel könnte auch weitere Kinder zur Therapie aufnehmen. Die Esel freuen sich darauf, im Herbst möglichst oft zu kleineren Touren ausgeführt zu werden.

Das Bild zeigt das Hinweisschild zur PensionDie Bewohnerinnen und Bewohner der Oase freuen sich über jeden Besuch. Auch wenn dafür Eintritt bezahlt werden muss, handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Zoobesuch, bei dem die Tiere aus der Ferne angeschaut werden, der direkte Kontakt zu den lieben Nichtganzsokleinen ist inklusive. Die Tiere suchen den Kontakt zu den Menschen und freuen sich über Streicheleinheiten.

Wer den Tieren einen längeren Besuch abstatten möchte, auch das ist kein Problem, Daniela Huttel hat zwei Ferienwohnungen eingerichtet. Diese bilden mit der „Kamel-Lodge“ und der „Esel-Suite“ die „Villa zum Wüstenschiff“, die aber leider nicht barrierefrei ist.

Barrierefreiheit:

Das Gelände ist stufenlos und der Untergrund fest, da es sich um Naturareal handelt, hat es im wahrsten Sinne des Das Bild zeigt ein Stopschild mit einem drauf gemalten KamelWortes Höhen und Tiefen. Der Weg vom Eingang zum Gatter ist stark abschüssig und beim Rückweg entsprechend steil.

Die Ferienwohnungen liegen im Obergeschoss und sind nur durch eine Treppe zugänglich.

Die Oase liegt zwischen den beiden barrierefreien Bahnhöfen Büsenbachtal und Handeloh, die vom „Heidesprinter“ Erixx angefahren werden. Von beiden Bahnhöfen aus gibt es eine Busverbindung bis wenige Hundert Meter vor der Oase, die Busse verkehren jedoch nur an Schultagen und nur vom späten Vormittag bis zum Nachmittag in großen zeitlichen Abständen. Wer einen Besuch in der Kameloase plant, sollte sich direkt beim HVV-Schalter beraten lassen, der Onlineservice zeigt diese Buslinien leider nicht an, obwohl sie zum HVV-Netz gehören. Die Busse sind Niederflurbusse.

Toiletten:

Ein Gäste-WC ist vorhanden, das ist allerdings nicht behindertengerecht.

Text: Birgit Gärtner; Fotos: Daniela Huttel, Birgit Gärtner