Das Bild zeigt das Rote Sofa

Wie in Lokstedt die Bilder laufen lernten

 

Das Foto zeigt viele Fernsehkameras unter der DeckeDas Beste am Norden ist unsere Begeisterungsfähigkeit. Die Besichtigungstour durch die Fernsehstudios der ARD und des NDR begeistert auch die Gemüter Marke „Nordisch by Nature“. Versprochen. Nach etwa 2 Stunden sind wir „ganz nah dran“, an den „glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt“. Denn es gibt wirklich was zu gucken und zu staunen bei dem Rundgang. Immerhin ist die Rede von den ersten speziell für das Fernsehen ausgerichteten Studios in ganz Europa, die am 23.10.1953 in Betrieb gingen. Und der NDR versetzt uns in die glückliche Lage, diese besichtigen zu können – mehr als 65 Jahre nachdem sie eingerichtet wurden.

 

Das Bild zeigt Requisiten; zu sehen sind Besen, Kehrblech und Handfeger

 

 

Geboten werden ca. zwei unterhaltsame Stunden mit vielen Informationen, einem Blick in die heiligen Hallen der Tagesschau oder des NDR Journals, bei dem ein paar Geheimnisse aus der Trickkiste der Technik-Abteilung gelüftet werden.

 

 

 

 

 

Quotenqueen Tagesschau

Das Bild zeigt eine Nachrichtenredaktion; zu sehen sind Schreibtische, Computer und BildschirmeDarauf ist der Hamburger Sender zu recht besonders stolz: Die in Lokstedt produzierte Tagesschau ist die Nachrichtensendung mit den meisten Zuschauerinnen und Zuschauern weltweit! Mehr als 10 Mio. Menschen verfolgen im Schnitt allabendlich das Weltgeschehen von 20 – 20:15h. Lediglich ein US-amerikanischer Nachrichtensender bringt es auf mehr als 9 Mio. Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Tagesschau hat mehr Publikum als die Nachrichtensendungen von ZDF, RTL, SAT und Co zusammen – produziert mit Gerätschaften, die aussehen, als hätte sie Thomas Alva Edison übrig gelassen

 

Dabei sein ist alles

Das bild zeigt einen Arbeitsplatz mit Schnittplatz und BildschirmDer NDR setzt auf Publikumsnähe. Dazu zählt z. B. die Möglichkeit, sich mit Fragen, Wünschen und auch Beschwerden an den Sender zu wenden, oder bei den Aufzeichnungen der Sendungen im Publikum zu sitzen. Da ist allerdings etwas Geduld vonnöten, die Wartezeit z. B. bei der Sendung „Tietjen und Bommes“ beträgt 5 Jahre.  Außerdem bietet der NDR Führungen an. Die Termine dafür vergibt der Besuchsdienst ganz unkompliziert. Im Prinzip. Denn hier ist Geduld die Grundvoraussetzung für das Gelingen des Unterfangens, denn bis am anderen Ende der Leitung nicht das Besetz-Zeichen, sondern eine menschliche Stimme zu hören ist, kann es durchaus mal eine Dreiviertelstunde dauern. Aber dran bleiben lohnt sich in jedem Fall, die Ausdauer wird mit einem spannenden Blick hinter die Kulissen u.a. der Nachrichtensendung mit den meisten Zuschauerinnen und Zuschauern weltweit belohnt.

 

Egal, ob als Einzelperson, als Kegelverein oder Betriebsgruppe, bis zu 20 Personen können an einer Führung teilnehmen, Einzelpersonen sich anderen anschließen, oder die Kegelschwestern sich mit den Kaninchenzüchtern zusammentun.

Das bild zeigt die KleiderkammerDie Besucherinnen und Besucher erwarten etwa zwei spannende Stunden, in denen es viel zu entdecken gibt. Z. B. die Armada von Scheinwerfern, die in den Studios von den Decken hängt. Die Kameras werden computergesteuert und fahren z. T. so schnell im Studio umher, dass Personen an Leib und Leben gefährdet wären. Die Moderatorinnen und Moderatoren dürfen sich deswegen nur auf vorgezeichneten Wegen und im eng abgesteckten Raum bewegen.

 

 

Das Bild zeigt die StudiokücheTeleprompter, Regiesessel, Requisiten, das „Rote Sofa“, Studio-Küche, der Kleider-Fundus, die „Maske“, nichts wird ausgelassen. Im Studio des NDR Journals können die Gäste dann selbst die Regie übernehmen und erfahren, wie schwierig es ist, in die Kamera zu schauen, sprich die Zuschauerinnen und Zuschauer zuhause auf der Couch direkt anzublicken, dabei den Text vom Teleprompter abzulesen, aus den Augenwinkeln mögliche Zeichen der Regie wahrzunehmen, mit einer imaginären Landkarte zu hantieren, die zwar das Publikum zuhause sehen kann, nicht aber die Moderatorin oder der Moderator im Studio, den Überblick zu bewahren, den Text richtig abzulesen und dazu die richtigen Stellen auf der nicht-existenten Landkarte zu erwischen, dabei gleichbleibend freundlich zu lächeln, sich nicht zu verhaspeln, geschweige denn in Schweiß auszubrechen.

 

Das Beste am Norden ist der NDR und das Beste am NDR sind die Werbeclips von Detlef Buck: Authentisch norddeutsch, eben „Nordisch by Nature“, herrlich schräg, selbstironisch und doch einfach unwiderstehlich.

Noch besser aber ist ein Blick hinter die Kulissen. Am besten, Sie machen sich selbst mal ein Bild.

 

Bewerbungen von Menschen mit Handicap ausdrücklich erwünscht

Das bild zeigt das Studio des Hamburg JournalsDer NDR dient nicht nur der Unterhaltung, sondern bietet auch Arbeitsplätze. Mit ca. 5,3% Beschäftigten mit Handicap erfüllt der NDR die vorgegebene Quote. Der NDR ist unterteilt in die 3 Bereiche: Verwaltung, Technik und Medien. Lediglich in den ersten beiden Bereichen arbeiten Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Hör- oder Sehgeschädigte sind indes in gar nicht beschäftigt.

 

 

Das liegt allerdings laut Carsten Hübsch, Schwerbehindertenvertreter beim Betriebsrat, daran, dass sich keine Personen mit einem solchen Handicap bewerben. Aber scheitern sollte eine Einstellung daran nicht, zumindest ist der Wille vorhanden, eine solche Beschäftigung möglich zu machen. Auch dass z. B. die Quotenqueen Tagesschau nicht von einer Redakteurin im Rollstuhl moderiert wird, liegt daran, dass sich viel zu wenig Menschen mit Handicap für den Bereich Journalismus bewerben. Das ist schon bei den Bewerbungen für die Volontariatsstellen ein großes Manko. Hier ist noch sehr viel Luft nach oben und Carsten Hübsch bestrebt, diesen Zustand zu ändern. Direkte Kontakte zu Schulen sollen helfen, Barrieren abzubauen. Viele Betroffene gehen vermutlich davon aus, dass für sie eine Fernsehkarriere nicht in Frage kommt, bzw. sie für die Fernsehkarriere nicht in Frage kommen. Die Barriere in den Köpfen auf beiden Seiten müssen zunächst abgebaut und dann alle Hürden beseitigt werden, die das im konkreten Sendebetrieb erschweren würden.

Barrierefreiheit

Das bild zeigt das Studio des Hamburg JournalsDas Thema „Barrierefreiheit“ wird groß geschrieben beim NDR. Auch wenn sich das im Programm nicht unbedingt ausdrückt. Aber für Zuschauerinnen und Zuschauer mit Handicaps gibt es vielfältige Unterstützung: Angefangen bei den Untertiteln, am 4.8.1980 untertitelte der BR erstmalig Sendungen der ARD, über Audiodeskription, Informationen in leichter Sprache bis hin zu Videos in Gebärdensprache. Das „Projekt Barrierefreier Rundfunk“ hat „eine stete Optimierung der Angebote für behinderte Menschen zum Ziel“.

 

 

 

Die Studios in Lokstedt sind eingeschränkt barrierefrei erreichbar. Zwar ist alles stufenlos, und Fahrstühle verbinden die verschiedenen Ebenen miteinander, aber z. B: die Eingangstür zum Foyer von Haus 14, wo z. B. die Führungen starten, öffnet nicht automatisch. Ein Angebot für Menschen mit eingeschränkter Hör- oder Sehfähigkeit gibt es leider nicht.

Text und Foto: Birgit Gärtner