Das Bild zeigt das Innere des Gastraums

Hamburgs schrägste Kneipe

Das Bild zeigt das Gebäude von außenWer die Tür öffnet, hat das Gefühl, das windschiefe Häuschen käme ihm entgegen. Aber keine Sorge, sowohl Haus als auch Crew sind sturmfluterprobt und somit standfest. Und auch beim Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 und der damit verbundenen Schließung gastronomischer Betriebe – unterdessen zum zweiten Mal – wusste das Team sich zu helfen und bot statt Oberhafenkantine „to stay“ einfach Essen „to go“ an, sprich zum mitnehmen.

„So schief und besonders, wie sie dasteht, so gut und bodenständig ist das, was geboten wird“, ist auf der Webseite der Oberhafenkantine zu lesen. Der schräge Untergrund ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig, allein das zu erleben sollte einen Besuch wert sein. Die als „bodenständig“ beschriebene Küche überrascht: Sie ist alles andere als altbacken und statt der Das Bild zeigt einen Teller mit Brathering, Bratkartoffeln und Salatvermuteten Frikadellen mit Kartoffelsalat aus dem Plastiktopf erwartet die Gäste eine kleine, aber feine Speisekarte, auf der – wie sollte es anders sein – typisch norddeutsche Gerichte wie Labskaus, Matjesfilet Hausfrauenart, Hamburger Pannfisch  oder je nach Saison auch Grünkohl zu finden sind. Frikadellen gibt es selbstverständlich auch, nur nicht mit Kartoffelsalat. Das Brot wird ausschließlich aus Dinkelmehl selbst gebacken. Zum Essen wird u. a. Bio-Cider vom Elbler mit Äpfeln aus dem Alten Land serviert. Mehr Regionalität geht nicht. Neben der festen Speisekarte werden wochentags zwei Mittagsgerichte angeboten. Aufgrund der Corona-Pandemie können die Tische nicht voll besetzt werden, deshalb werden sie im stundentakt vergeben. Viel Zeit, um die rasch servierten Leckereien in Ruhe zu genießen.

Außerdem gibt es die Speisen to go: Sie werden in nachhaltigem Material verpackt und etwa 30 Minuten darin warm gehalten.

Fast hätte die Oberhafenkantine die Jahrtausendwende nicht überlebt

Das Bild zeigt das Innere des GastraumsTatsächlich ist das Gebäude aufgrund von Sturmfluten in diese Schieflage geraten, Ende der 1990er Jahre sah es gar so aus, als ob es abgerissen würde. Stattdessen stellte die Stadt es unter Denkmalschutz, es fand sich ein Investor und die ehemalige Kaffeeklappe wurde aufwändig saniert und 2006 von Christa Mälzer, Mutter des TV-Kochs Tim Mälzer, wieder in Betrieb genommen. Leider überstand sie die Sturmflut 2007 nicht, der nächste Wirt schmiss 2010 das Handtuch. 2011 übernahm ein alteingesessener Hamburger Gastronom den Laden und dem Team gelang es, sich wieder in die Herzen der alten Gäste zu kochen, neue hinzuzugewinnen und die schräge kleine Kneipe weit über die Tore Hamburgs hinaus bekannt zu machen.

Drei Sturmfluten, u. a. „Xaver“ 2013 und „Herwart“ 2017, konnten sie trotz abgesoffener Küche, monatelanger Instandsetzungsarbeiten und der dadurch sehr angespannten wirtschaftlichen Lage trotzen. Im Februar 2020 fegte Das Bild zeigt Sitzplätze am Fenster„Sabine“ über Norddeutschland, innerhalb von 3 Tagen wurde die  gesamte Küche aus- und wieder eingebaut. Die Kantine entging den Wassermassen nur um Haaresbreite. Kaum war „Sabine“ überstanden, brach Corona aus. Wieder krempelte das Team entschlossen die Ärmel hoch und brachte statt der häufig üblichen aus Plastik, optisch dem Interieur angepasste mit Leder überzogene Trennwände an und schuf so heimelige kleine „Séparées“. Auf die Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen wird penibel geachtet und die Kontaktdaten werden vorschriftsmäßig erhoben.

Eine echte Hamburger Perle

Das Bild zeigt den oberen Gastraum von innenDas kleine, windschiefe Haus sieht so aus, als lehne es an der Brücke schräg neben ihm; es ist schwer zu sagen, wer wen stützt: Das Haus die Brücke, oder diese das Gebäude. Doch wer genau hinguckt, sieht, dass sich Haus und Brücke nicht berühren. So steht es dort seit 1925, damals eine von vielen sogenannte Kaffeeklappen im Hafen, in der die Malocher sich ihren Kaffee, eine Stulle oder eben eine Frikadelle mit Kartoffelsalt holten. Die Oberhafen-Kantine war eine der letzten Kaffeeklappen, die in Hamburg gebaut wurden, und die letzte, die noch als gastronomischer Betrieb existiert. Eine echte Hamburger Perle sozusagen und es wäre sehr schade, wenn nun Corona vollenden würde, was Sturm und Flut in fast 100 Jahren nicht geschafft haben: Die Oberhafenkantine zur endgültigen Schließung zu zwingen.

Barrierefreiheit:

Das Bild zeigt den Grill auf der TerrasseDer Gastraum ist nur über Stufen zu erreichen, ins Obergeschoss führt eine steile Treppe. Allerdings verfügt die Oberhafenkantine über eine große Terrasse, die absolut stufenlos ist. Im Sommer – so Corona will – wird dort der Grill angeschmissen. Aktuell können die Speisen nicht vor Ort verzehrt, sondern nur mitgenommen werden. Da wird die Oberhafenkantine zum Drive-In, es ist problemlos möglich, direkt vor der Tür kurzzeitig zu parken und die nette Bedienung bringt das Essen selbstverständlich nach draußen zum Gast.

Toiletten:

Die Toiletten befinden sich außerhalb des Gebäudes und sind ebenfalls nur über Stufen erreichbar. In dem neu erschlossenen Oberhafenquartier gibt es allerdings eine offen zugängliche Toilette inklusive Behinderten-WC neben der „Hobenköök“. Die Tür zu den Toiletten ist sehr schwer und öffnet nicht automatisch.

Text und Fotos: Birgit Gärtner