Das Bild zeigt Heidi Kabel und Henry Vahl

Missingsch för de Quiddjes

Siet mehr as achtig Johren het dat „Wi snack platt“ in´t Ohnsorg-Theater, dat 1936 inne Grote Bleken siene dör opmokt  hett. Dor wöörd gackert, blarrt, blafft, fleukt, hummelt, klönt, klatscht und tratscht. Fakenews wöörd sotoseggen bi us to huus utklamüstert, lang ehrder een an dat Internet dacht hett. Bannig veel Tokiekers buten kinnt dat Huus ute Flimmerkiste, domaals inne „Sweet Sixties“. Dormit ji Quiddjes us ok versteiht, häbt wie ne niege Sprook rutfunnen: Missingsch. Dat es een Mengsel ut plattdütsch un hochdeutsch. Meisttiets geiht dat bi us vergnögt to, awer af un an verstaht ok wi keen Spooß, to´n Bispill, wenn de Brunen an´n Bahnhoff upmarschiert, da het dat denn „Keen Platz för Nazis!“

Plattdeutsch, um sich von der übrigen Theaterlandschaft abzugrenzen

Benannt ist das Ohnsorg-Theater, das 1936 in dem „Kleinen Lustpsielhaus“ in den Großen Bleichen eröffnet wurde, nach dem Schauspieler und Regisseur Richard Ohnsorg. Seit 1946 trägt es ihm zu Ehren den Namen Ohnsorg-Theater. Am 8. Juli 2011 fiel dort der letzte Vorhang, gespielt wurde das Stück „Brandstiftung“. Nach der letzten Vorstellung verteilte das Ensemble weiße Taschentücher mit dem Aufdruck „Ohnsorg-Theater – Atschüß, altes Haus! Letzte Vorstellung, 8. Juli 2011“. Anschließend zog die mittlerweile weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannte Bühne um in das ehemalige Bieberhaus am Hauptbahnhof. Der Platz vor dem Theater wurde in „Heidi-Kabel-Platz“ umbenannt, zu Ehren der  großen Schauspielerin, u. a. deren Verdienst es ist, dass die doch eher eigene Bühne einen solchen Bekanntheitsgrad erreichte.

Von Anfang setzte Richard Ohnsorg auf Stücke in  niederdeutscher Sprache und setzte sich damit bewusst von der übrigen deutschen Theaterlandschaft ab. Seit 1954 werden Aufführungen des Theaters im Fernsehen übertragen, zunächst wurden sie im Bunker des NWDR aufgezeichnet, später direkt aus der Spielstätte in den Großen Bleichen übertragen. In Erinnerung geblieben ist vor allem das Stück „Tatsch im Treppenhaus“, die erfolgreichste Ohnsorg-Aufführung aller Zeiten, mit Heidi Kabel und Henry Vahl, das von der ARD am Silvesterabend des Jahres 1966 live übertragen wurde.

Traumpaar des Klatsch und Tratsch

Kabel und Vahl waren über Jahre das Traumpaar der sogenannten „Mundart“, obwohl auch der WDR und der Bayerische Rundfunk dem norddeutschen Beispiel folgten und Theateraufführungen in rheinischem und bayerischem Dialekt aus dem Kölner Millowitsch-Theater und den Komödienstadel zu übertragen.

Die beliebte Schauspielerin sorgte mit ihren Auftritten für Heiterkeit, sie konnte aber auch bierernst werden: Als 1996 das Hafenkrankenhaus in St. Pauli geschlossen werden sollte, kündigte sie gemeinsam mit Schauspieler-Kollegin Inge Meysel, bekannt als „Mutter der Nation“, an, sich am Eingang der Klinik anzuketten. Dazu kam es nicht, wenngleich das Krankenhaus als Vollbetrieb tatsächlich geschlossen wurde und nur eine Notaufnahme erhalten werden konnte.

Als im September 2015 Neonazis und Hooligans einen Aufmarsch auf dem Bahnhofs-Vorplatz ankündigten, um gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu demonstrieren, wurde es dann auch dem Traditionshaus zu bunt. Unmissverständlich sendeten die Ohnsorgs ihre Botschaft: „Keen Platz för Nazis“ stand auf dem Schild, das unübersehbar im Eingangsbereich des Theaters angebracht wurde.

Längst in der Gegenwart angekommen

Obwohl dem historischen Erbe verpflichtet, ist das Theater schon lange nicht nur in den neuen Räumlichkeiten, sondern auch im 21. Jahrhundert angekommen. Dazu gehört, dass es mittlerweile auch ein breites Angebot für Kinder und auch Vorstellungen in hochdeutscher Sprache gibt. Oder eine Mischung, z. B. beim Poetry Slam – Plattdütsch vs. Hochdeutsch. Die Stücke bleiben größtenteils heiter, daneben bietet das Programm z. B. eine hans-Fallada-Matinee mit der Schauspielerin Hannelore Hoger, bringt Stücke von Siegfried Lenz auf die Bühne oder greift auch mal in aktuelle Debatten ein – auf die ganz eigene Weise, versteht sich.

Der „Tratsch im Treppenhaus“ wird im März 2021 zum letzten Mal auf Tournee gehen. Die Hauptrolle, Klatschtante Meta Boldt, wird dann von Heidi Mahler verkörpert werden, die in die Glanzrolle ihrer Mutter Heidi Kabel schlüpft. Auch wenn damit ein Stück Theatergeschichte, speziell des Ohnsorg-Theaters, abgeschlossen wird, das Haus mit der langen Tradition wird auch in Zukunft verlässlich für gute Unterhaltung sorgen und sicherlich noch für manche Überraschung sorgen.

Programm sowie Spielzeiten und Eintrittspreise entnehmen Sie bitte der Webseite des Theaters.

Barrierefreiheit:

Das Haus ist barrierefrei zugänglich, es gibt Plätze für Rollstühle nach vorheriger Anmeldung, da die jeweils aufgebaut werden müssen, einige Stücke sind mit Audiodiskription versehen. Bei Bedarf sollte das vorher telefonisch abgeklärt werden.

Toilette:

Ein Behinderten-WC ist vorhanden.

Text: Birgit Gärtner; Fotos: R. Ohnesorge / Ohnsorg-Archiv und Birgit Gärtner